Corona: Nach Schweden ausfliegen lassen

„Bereits 20 Prozent machen großen Unterschied“Neidisch auf Nachbarn: Dänen sehen Immunität als Grund für Schwedens Corona-Erfolg

Schweden ist in der Corona-Krise einen anderen Weg gegangen als die meisten europäischen Länder.

Anders Wiklund/AP/TT NEWS AGENCY/dpa/GettyImages/fotomay/FOL Schweden ist in der Corona-Krise einen anderen Weg gegangen als die meisten europäischen Länder.

Dänische Epidemiologen heben die erreichte Immunisierung in der Bevölkerung durch den Corona-Sonderweg des „Bruderlandes“ hervor. Spezialisten aus Stockholm wollen jetzt Europas Schwerstkranke behandeln.

Bei manchen Covid-19-Patienten versagt sogar die künstliche Beatmung über einen Tubus in der Luftröhre. Dann sind ECMO-Geräte die letzte Rettung. Damit kann das Blut eines Patienten außerhalb seines Körpers mit Sauerstoff versorgt werden. Das Karolinska Universitätshospital, das wichtigste Krankenhaus in Stockholm, hat einen neuen ECMO-Pandemiesaal vorbereitet. Die Schweden warten auf schwerstkranke Patienten – aus Europa.

„Wir haben Überkapazitäten“, sagt Lars Falk, Betriebsleiter des ECMO-Zentrums. „Wir können schwedische Patienten aufnehmen und gleichzeitig im Ausland helfen, besonders wenn es zu einer zweiten Welle in Großbritannien, Spanien, Italien und Frankreich kommt.“ Man habe auch Zugang zu entsprechend ausgerüsteten Jets: „Wir können rausfliegen und die Patienten holen oder in andere Krankenhäuser verlegen.“

Noch vor Kurzem waren die Schweden für ihren Sonderweg Prügel gewöhnt

Die Schweden als letzte Hoffnung für Patienten aus ganz Europa? Noch vor kurzem waren sie für ihren Sonderweg Prügel gewöhnt: Epidemiologen und Regierungschefs galt das Land als abschreckendes Beispiel, weil dort zu Beginn der Pandemie so viele Menschen aufgrund von Corona starben. Als einziges Land in der EU hatte Schweden keinen Lockdown verfügt.

Die Genugtuung jetzt ist leise, wie es sich für die korrekten Schweden gehört, aber erkennbar. „Dänemark zieht die Notbremse“ titelt die Stockholmer Boulevardzeitung Aftonbladet: Nach einer zeitweisen Öffnung der Gesellschaft hat die Regierung in Kopenhagen wieder stärkere Restriktionen verfügt. Bei Feiern dürfen beispielsweise keine 100 Personen mehr anwesend sein, sondern wieder nur noch 50. Restaurants, Kneipen und Bars müssen um 22 Uhr schließen. Alles, weil die Infektionszahlen wieder stark anziehen.

In Schweden ebbt die Virus-Epidemie offenbar weiter abDie skandinavischen Nationen sind mehr als Nachbarn. Sie verstehen sich als „Bruderländer“. Und in nahen Beziehungen herrscht oft besondere Konkurrenz. Es wurmte die Schweden, dass sie westlich des Öresunds plötzlich unerwünscht waren, im Gegensatz zu Touristen aus Deutschland. In Dänemark zeigte sich Mette Frederiksen als eiserne Staatsministerin und verhängte sehr früh, bereits am 11. März, einen umfassenden Lockdown.

Die Entscheidung traf sie entgegen dem Rat des führenden Gesundheitsbeamten Søren Brostrøm, wie die Zeitung B.T. enthüllte, er sah Schulschließungen laut internen E-Mails nicht als notwendig an. Die Folgen ihres „extremen Vorsichtigkeitsprinzips“, wie Frederiksen ihre Politik nannte, waren geringe Todesraten – fünfmal niedriger als in Schweden, gemessen an der Bevölkerungszahl. Bis heute sind in Schweden 5870 Menschen an dem Virus gestorben.

Doch in Dänemark steckten sich nach den Lockerungen im Sommer in den vergangenen zwei Wochen 58,1 Menschen pro 100.000 Einwohner mit dem Corona-Virus an, in Schweden dagegen nur 29,4. Der R-Wert in Dänemark liegt nun bei 1,5, also infizieren zwei Virusträger im Schnitt drei Menschen. In Schweden dagegen ebbt die Epidemie offenbar weiter ab mit einem R-Wert unter 1. Im April waren in Schweden rund 550 Menschen mit Covid-19 auf Intensivstationen. Aktuell gibt es noch 19 Intensivpatienten mit Covid-19.

An der deutsch-dänischen Grenze

dpa/Carsten Rehder/dpa Deutsche Touristen auf dem Weg nach Dänemark.

„Bereits 20 Prozent Immunität in der Bevölkerung machen einen großen Unterschied“

Eine Erklärung für diese Entwicklung meint Tom Britton gefunden zu haben. Der Mathematiker beschäftigt sich an der Universität Stockholm mit der Ausbreitung von Epidemien und dabei auch mit der sogenannten Herdenimmunität. Herkömmliche Vorstellungen gehen bislang davon aus, dass eine Viruskrankheit sich nicht mehr in einer Gesellschaft verbreitet, wenn 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infiziert waren. „Aber bereits 20 Prozent Immunität in der Bevölkerung machen einen großen Unterschied“, erklärt Britton der Kopenhagener Zeitung Politiken. „Weil nämlich am Anfang einer Epidemie die sozial Aktivsten infiziert werden.“

Wenn diese besonderen Multiplikatoren immunisiert seien, würde die Epidemie abflachen – dann nämlich, wenn sie mit ausgewählten Maßnahmen bekämpft wird. Beispielsweise herrscht in Schweden seit Beginn der Pandemie ununterbrochen ein Verbot für Versammlungen über 50 Menschen und die Universitäten halten auch im Wintersemester ihre Kurse virtuell ab.

Nur ein bis drei Prozent der Bevölkerung in Dänemark immunisiert

Führende dänische Epidemiologen melden sich nun anerkennend zu Wort. „Manches deutet darauf, dass die Schweden eine Immunitätskomponente gegen die Krankheit in die Hand bekommen haben. Zusammen mit dem, was sie sonst tun, um die Verbreitung zu verhindern, hält das die Krankheit auf niedrigem Niveau“, sagt Kim Sneppen, Professor für Biokomplexität am Niels-Bohr-Institut, der Modelle zu Superspreadern erarbeitet hat. Die Schweden hätten „einen furchtbaren Start mit viel zu vielen Toten“ gehabt, aber „seit Mai haben sie es geschafft, die Verbreitung einzudämmen, Woche für Woche ging sie zurück“, sagt Lone Simonsen, Professorin für öffentliche Gesundheit an der Universität Roskilde der Tageszeitung Kristeligt Dagblad.

In Dänemark seien nur ein bis drei Prozent der Bevölkerung immunisiert: „Wir sind weiterhin genauso von der Epidemie bedroht, wie wir es im Februar waren. Sie würde sich ungehemmt verbreiten, wenn wir sie nicht weiter mit Distanz und Hygiene kontrollieren.“ Es brauche einen langfristig gangbaren Weg, bis Impfstoffe vorlägen, meint Simonsen: „Es gibt eine Schmerzgrenze, die wir finden müssen, um in einer stabilen Situation zu leben und mir scheint, die Schweden haben sie gefunden.“ Es sei ein Fehler gewesen, in Dänemark Versammlungen bis 100 Menschen wieder zuzulassen: „So schaffte man Superspreading-Situationen.“

Schwedens Staatsepidemiologe Tegnell schließt mehrfache Schulschließungen aus

In Stockholm sieht Staatsepidemiologe Tegnell angesichts der Entwicklung in Dänemark und Europa die schwedische Strategie bestätigt. Es gehe immer um das Abwägen von Gesundheitsgefahren für die gesamte Bevölkerung, sagte er der Financial Times: „Wenn du Erfolg in der Schule hast, wird dein Leben gut. Wenn nicht, wird dein Leben viel schlechter. Du wirst nicht so lange leben. Du wirst ärmer sein. Das haben wir im Hinterkopf, wenn wir über Schulschließungen nachdenken.“ Es sei außerdem nicht praktikabel, Schulen mehrfach zu schließen: „Du kannst es vielleicht ein- oder zweimal machen, aber dann werden die Menschen müde.“ Die Maßnahmen in Schweden dagegen könne die Gesellschaft noch viele Monate durchhalten.

Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell

Fredrik Sandberg/TT NEWS AGENCY/

Unabhängig davon bleibt die Frage, ob man die Situation in Schweden überhaupt mit anderen Ländern vergleichen kann. Dort gibt es keine Demonstrationen mit Tausenden Teilnehmern gegen die Corona-Beschränkungen. Die meisten Bürger setzen sie einsichtig und eigenverantwortlich um.

Eine wesentliche Beschränkung allerdings gibt die Regierung nun auf. Als Folge der vielen Todesfälle zu Beginn der Pandemie isolierten Schweden die Risikopatienten in Alten- und Pflegeheimen. Ein langes halbes Jahr durften die Bewohner keine Angehörigen empfangen. Zum 1. Oktober wird das Besuchsverbot aufgehoben.

Quelle: https://www.focus.de/politik/ausland/bereits-20-prozent-machen-grossen-unterschied-neidisch-auf-nachbarn-daenen-sehen-immunitaet-als-grund-fuer-schwedens-corona-erfolg_id_12462468.html geladen am 23.09.2020

Hamburger Ärzte-Chef Plassmann über Corona

Interview mit FOCUS Online

Hamburger Ärzte-Chef legt gegen Panikmacher nach: „Wer infiziert ist, ist nicht krank“

Walter Plassmann spricht über die Corona-Ausbreitung und die bekanntesten Gesichter der Strategie

dpa Walter Plassmann spricht über die Corona-Ausbreitung und die „bekanntesten Gesichter der Strategie“
Mittwoch, 23.09.2020, 07:27

In einem Gastbeitrag griff Walter Plassmann, Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg, die Virus-Mahner Markus Söder und Christian Drosten an und trat eine Diskussion los. Im Interview mit FOCUS Online nennt Plassmann die Gründe für Deutschlands ängstliche Corona-Politik und erklärt, warum die Fixierung auf Infektionszahlen keinen Sinn macht.

„Wer die Gesellschaft mit immer neuen Hiobsbotschaften auf immer höhere Bäume treibt, der macht die Gesellschaft krank“ – diese Worte schrieb Walter Plassmann in einem Gastbeitrag im „Hamburger Abendblatt“, über den FOCUS Online berichtete. Adressaten der Kritik waren die führenden Corona-Mahner in Deutschland, namentlich Markus Söder, Christian Drosten und Karl Lauterbach.

Vor allem das permanente Mahnen und die „politisch-mediale Aufgeregtheit“, die von den genannten Personen befeuert wird, stören den Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg.

Im Interview mit FOCUS Online nennt Plassmann nun die Gründe für Deutschlands vorsichtige Corona-Politik, erklärt, warum eine Fixierung auf Infektionszahlen als Indikator keinen Sinn ergeben und wird deutlich beim Thema Maskenpflicht.

Walter Plassmann über…

…die Reaktionen auf seinen Gastbeitrag im „Hamburger Abendblatt“: „Wir (Kassenärztliche Vereinigung Hamburg) haben sehr viele Mails bekommen. Davon waren genau zwei kritisch. Der Tenor der meisten Nachrichten war getragen von Zustimmung, nach dem Motto: ‚Endlich sagt mal einer was‘. Viele haben mich in meinem Wunsch und der Forderung bestärkt, eine gesellschaftliche Debatte zu unterstützen, die nicht immer nur Worst-case-Szenarien zum Maß aller Dinge macht. Statt Panik und Hysterie zu verbreiten, sollten Politik, Wissenschaft und Medien das derzeitige Infektionsgeschehen in das richtige Verhältnis stellen, es einordnen, bewerten und den Menschen vernünftig nahebringen. Viele positive Rückmeldungen kamen in dieser Hinsicht von Ärzten, das hat mich sehr gefreut.“

…die Auswahl der Adressaten Söder, Lauterbach und Drosten für seine Kritik: „Ich habe diese Personen herausgegriffen, weil sie die bekanntesten Gesichter der Corona-Strategie sind. Was mir aufstößt, ist, dass von mehreren Möglichkeiten immer die schlechteste angenommen wird. Es ist immer ganz, ganz schlimm, jüngst ist wieder von einer Schockwelle die Rede gewesen, die angeblich auf uns zukommt. Niemand aber weiß zum Beispiel, ob wirklich eine Grippewelle auf Deutschland zurollt. Durch die Beachtung der AHA-Regeln blieb diese im Frühjahr aus.“

„Natürlich ist das Virus da – es stellt sich nur die Frage, wie gefährlich es tatsächlich ist“

…den Vorwurf, er liefere Corona-Leugnern neue Munition: „Ich leugne Corona nicht. Ich beobachte aber seit Jahren einen Verfall der Diskussionskultur. Es ist alles schwarz oder weiß, entweder wird der Daumen gehoben oder gesenkt. Mit manchen Menschen auf beiden Seiten der Corona-Debatte kann man einfach nicht mehr reden. Dass es das Coronavirus nicht geben soll, ist aber totaler Unsinn. Natürlich ist das Virus da – es stellt sich nur die Frage, wie gefährlich es tatsächlich ist. Dass ich teilweise in diese Ecke gestellt werden würde, war unvermeidlich.“

…den Zeitpunkt, ab dem er die Maßnahmen für nicht mehr angemessen hielt: „Am Anfang waren wir alle unsicher und hatten Angst. Niemand wusste, wie gefährlich das Coronavirus tatsächlich ist. Aber durch die Rolle der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg in der Corona-Krise, die in Hamburg die Testung von Beginn an übernahm und die Menschen zuhause testete, haben wir schnell ein Gespür für die Situation entwickelt. Ich habe immer gesagt, dass wir nicht an der Front stehen, sondern sogar davor. Nachdenklich wurde ich, als die Reaktionen der Ärzte nicht mehr mit dem übereinstimmten, was ich am Abend in den Nachrichten sehen konnte. Ein Arzt kam im April ganz aufgeregt zu mir – ich dachte, er wäre wegen des heftigen Infektionsgeschehens so betroffen. Doch er erzählte mir, dass er verzweifelt sei, weil er die ganze Nacht im Einsatz gewesen sei und keinen einzigen kranken Menschen erlebt habe. Das hat mich sehr nachdenklich gemacht. Und das erleben inzwischen viele Ärztinnen und Ärzte in ihren Praxen. Viele Menschen sind verängstigt und leiden unter den massiven Auflagen. Ich glaube, wir hätten den Lockdown nach zwei bis drei Wochen beenden und den schwedischen Weg gehen sollen. Aber das ist vergossene Milch.“

Plassmann kritisiert Fixierung auf Infektionszahlen: „Wer infiziert ist, ist nicht krank“

…konkrete Kritikpunkte an der Politik: „Wir müssen uns von dieser vollkommenen Fixierung auf Infektionszahlen lösen. Wer infiziert ist, ist nicht krank. Wichtig ist aus meiner Sicht, wie viele Menschen krank sind, wie viele wegen Corona auf der Intensivstation liegen und wie viele daran gestorben sind – also an dieser Infektion gestorben sind und nicht mit ihr. Wenn die Infektionszahlen hochgehen, aber es sind nicht mehr Menschen krank oder sterben, dann ist das nicht schlimm. Ein Ampelsystem, das zum Beispiel Professor Hendrik Streeck nochmals unterstützt hat, oder ein Score, der all diese Faktoren berücksichtigt, würde aus meiner Sicht dabei helfen, den Alltag wieder normaler zu gestalten und schneller zu einer Normalität zurückzukehren, wie wir sie vor Corona kannten, ohne zu große Risiken einzugehen.“

…die Gründe für die zögerliche Corona-Politik in Deutschland: „Wenn einem Menschen vorgeworfen wird, zu vorsichtig gewesen zu sein, ist das weniger schlimm als der Vorwurf, seinetwegen seien Menschen gestorben. Davor hat die Politik Angst, und das kann ich sogar ein Stück weit nachvollziehen. Am Anfang befürchtete die Politik zudem eine Ablehnung der Maßnahmen. Die Devise war: ,Wir müssen immer vom Schlimmsten ausgehen, sonst folgen uns die Leute nicht‘. Das mag am Anfang richtig gewesen sein, aber jetzt ist es das längst nicht mehr.“

„Wenn die Schweden das können, warum sollten wir es dann nicht auch hinbekommen?“

…die Maskenpflicht: „Von den AHA-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske) ist die Maskenpflicht die unwichtigste. Ungeschützt anderthalb Meter Abstand halten, bietet mehr Schutz als eine Maske. Aber die Maske ist auch ein Symbol – sie erinnert uns daran, dass es noch nicht vorbei ist. Dass so intensiv über sie diskutiert wird, zeigt aber, dass etwas nicht stimmt.“

…die Bußgelder für Maskenverweigerer: „Die Höhe der Bußgelder für das Nicht-Tragen einer Maske zum Beispiel in Bayern ist überzogen, speziell wenn man es mit Bußgeldern für Nicht-Corona-Verstöße vergleicht.“

…seine Empfehlung für die Zukunft: „Wir sollten mehr Vernunft walten lassen. Haltet Abstand und wenn das nicht geht, setzt eine Maske auf. In Schweden ist es so geregelt worden, und dort hat es funktioniert. Wenn die Schweden das können, warum sollten wir es dann nicht auch hinbekommen? Das könnte man auch hier schrittweise einführen und so wieder ein Stück Normalität zurückgewinnen.“

Quelle: https://www.focus.de/regional/hamburg/interview-mit-focus-online-hamburger-aerzte-chef-legt-gegen-virus-panikmacher-nach-es-ist-immer-ganz-ganz-schlimm_id_12459301.html geladen am 23.09.2020

Deutsche Strompreise sind zu hoch

Ländervergleich Deutsche zahlen weltweit fast die höchsten Strompreise

In Deutschland ist Strom inzwischen teurer als in den meisten anderen Staaten der Welt. Höhere Preise gibt es fast nur noch in krisengeplagten Entwicklungsländern.
Windräder in Brandenburg (Symbolbild): Die Strompreise in Deutschland haben sich seit der Jahrtausendwende mehr als verdoppelt
Windräder in Brandenburg (Symbolbild): Die Strompreise in Deutschland haben sich seit der Jahrtausendwende mehr als verdoppelt

Foto: Patrick Pleul/ picture alliance / dpa

Dividendenaktien für ein monatliches Zusatzeinkommen

Lukrative Dividendenaktien

Jeden Monat Extra-Geld: So sichern Sie sich ohne Stress ein Zusatzeinkommen

Geldscheine

dpa/Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa Die Verbraucherpreise stagnieren auf dem Vorjahresniveau.
Mit nur drei Aktien jeden Monat eine Ausschüttung kassieren? Geht das? Ja! Wie Investoren mit der richtigen Dividendenstrategie ein lukratives Zusatzeinkommen erzielen.

Wer Dividendenaktien clever kombiniert, kann jeden Monat eine lukrative Einnahme erzielen – und dies sehr konstant plus Kurschancen. Denn vor allem US-Firmen schütten ihre Dividende nicht jährlich aus, sonder einmal in jedem Quartal. Dabei sind nur drei Wertpapiere erforderlich (s. Beispiel unten). Die Ausschüttungen sind oft besser als eine Renten- oder Mietzinszahlung. Das Kapital ist darüber hinaus jederzeit flexibel verfügbar.

Große Auswahl an Dividenden-Aktien

Doch wo finden Anleger solche Dividendenperlen? In Deutschland und Europa schütten die meisten Unternehmen ihre Dividenden nur einmal jährlich aus. Daher kann es sinnvoll sein, den Blick in die USA schweifen zu lassen. Dort ist es üblich, die Dividenden quartalsweise auszuzahlen. Aktieninvestments spielen in Übersee für regelmäßige Zahlungen sowie für die Altersvorsorge eine viel größere Rolle als hierzulande. Es gibt sogar Unternehmen, die seit Jahrzehnten eine regelmäßig steigende Dividende abwerfen.

Als Dividenden-Aristokraten bezeichnet man diese Unternehmen, die ihre Dividende über mindestens die vergangenen 25 Jahre hinweg kontinuierlich erhöht haben (dividendenadel.de). Mit dieser Strategie gelingt erfolgreicher Kapitalaufbau und der Schutz des Vermögens ist ebenfalls nahezu sichergestellt. Berühmte Beispiele für US-Aristokraten sind etwa Hormel Foods , McCormick , Pepsico  oder McDonald’s . Dividenden-Könige schaffen ihre Auszahlungen sogar bereits seit mehr als 50 Jahren. Hierzu gehören etwa Coca-Cola, Johnson & Johnson sowie Procter & Gamble . Anleger sollten bei diesen Werten aber darauf achten, dass das Dividendenwachstum nicht hinter dem Gewinnwachstum zurückbleibt.

Stabilität gesucht

Gerade in turbulenten Börsenzeiten ist der Wunsch nach Stabilität besonders groß. Nur wer planvoll vorgeht, vermeidet Verluste und hält das Vermögen und die Ersparnisse beisammen. Wenn die Märkte fallen, verlieren Dividendentitel gemeinhin weniger stark. Die Strategie, sich mit drei Aktien ein monatliches passives Einkommen zu sichern, sorgt also für eine optimale Portfolio-Zusammenstellung – und ist zudem gut überschaubar. Schwankende Kurse sind somit kein Grund, auf Dividendenaktien zu verzichten. Langfristige Wertsteigerung und Dividendenzahlungen empfehlen sich für jedes durchdachte Vermögens- und Altersvorsorgekonzept, davon ist auch Tom Friess, Geschäftsführer der VZ VermögensZentrum GmbH, überzeugt.

In Europa sind die Unternehmen allerdings vorsichtiger. Sobald die Konjunktur ins Wanken gerät, werden die Ausschüttungen oft gesenkt oder ganz gestrichen. Rund 30 Prozent der deutschen und europäischen Unternehmen haben während der Corona-Krise postwendend eine Kürzung oder Streichung der Dividenden angekündigt. US-Unternehmen senken ihre Dividenden dagegen seltener. Das wäre ein falsches Signal an die Anteilseigner.

Vermögensaufbau geht nicht über Nacht. Nur wer auch in Krisenzeiten konsequent dabeibleibt, wird sein Ziel erreichen. Kursschwankungen verlieren langfristig an Gewicht. Als Krisengewinner hat sich etwa Abbvie herauskristallisiert. Die Aktie des US-Pharma-Konzerns konnte sich in den Turbulenzen der letzten Wochen sehr gut behaupten. Seit mehr als 40 Jahren steigert Abbvie die Dividende – die Chancen stehen also gut, dass dies auch in den nächsten Jahren der Fall sein wird. Für 2021 wird eine Dividendenrendite von 5,18 Prozent erwartet. Daher ist die Aktie auch in Popps Depot gewandert.

Jeden Monat Cash

Im Beispiel legt ein Anleger 100 000 Euro an. Er kauft 505 Abbvie-Aktien, 315 Johnson & Johnson-Aktien sowie 940 Coca-Cola-Aktien. Mit dieser Dividendenauswahl erhält er jeden Monat im Durchschnitt 427 USD an Ausschüttungen.

FOCUS MONEY

Abbvie: Dividende schlägt den Markt

Der US-Pharma-Konzern Abbvie  gehört zu den Dividenden- Aristokraten. Das Unternehmen schüttet seit 48 Jahren (zuvor unter dem Dach von Abbott Labs) eine steigende Dividendenzahlung aus – derzeit vierteljährlich von je 1,18 US Dollar. Dies ergibt eine jährliche Rendite von 4,8 Prozent und liegt damit deutlich über dem S&P-500-Durchschnitt von zwei Prozent. Auch der Nettogewinn des Unternehmens war mit mehr als drei Milliarden Dollar sehr stark und lag 23 Prozent über dem Vorjahreswert.

AbbVie
79,00EUR

+1,43(+1,84%)

Tradegate
  • 1 Tag
  • 6 Monate

Abbvie ist für die Zukunft gut aufgestellt: Bis 2022 wird eine Dividendenrendite von 5,7 Prozent erwartet. Der Konzern ist mit einer breiten Produktpalette und der nötigen Finanzkraft ausgestattet. Zu den wichtigsten Forschungsgebieten zählen Hepatitis C, Krebs, Immun-, Nieren- und Nervenerkrankungen sowie Frauengesundheit. Die erfolgreichsten bereits erhältlichen Produkte sind Humira, AndroGel, Lupron, Synagis, Kaletra und Norvir. Mit der Übernahme des Botoxherstellers Allergan befindet sich auch ein Medikament zur Migränebehandlung (Ubrelvy) im Portfolio.

Johnson & Johnson: Für immer halten

Johnson & Johnson  ist ein Dividenden-König. Seit mehr als 50 Jahren beglückt der Konzern Anleger mit steigenden Dividendenzahlungen. Die Dividendenrendite liegt für 2020 bei 2,5 Prozent und wird für 2022 bei knapp drei Prozent erwartet. Das Unternehmen erwirtschaftet stabile Cashflows aus verschiedenen Geschäftsbereichen wie etwa Pharmazeutika, medizinische Geräte und Gesundheitspflege.

Johnson & Johnson
128,00EUR

+2,56(+2,04%)

Tradegate
  • 1 Tag
  • 6 Monate

Der Pharma- und Konsumgüterkonzern arbeitet auch an einem Impfstoff gegen Corona. Das Unternehmen wird bei dieser Entwicklung staatlich bezuschusst und hat wegen seiner enormen Produktionskapazitäten von der US-Regierung bereits eine Bestellung von 100 Millionen mit der Option auf weitere 200 Millionen Dosen seines Impfstoffs erhalten. Zum Portfolio der US-Amerikaner zählen verschreibungspflichtige, aber auch frei erhältliche Präparate (z. B. Wundsalben, Kosmetika, Augentropfen und Schmerzmittel). Das Unternehmen hat sich in den Bereichen Orthopädie, Diabetesforschung und Kardiologie verstärkt. Auch mit dem Zukauf Momenta Pharma.

Coca-Cola: Starke Marke, trotz Pandemie

Coca-Cola  ist ein Klassiker – auch bei der Dividendenauszahlung. Seit mehr als 50 Jahren beschert der Getränkekonzern Investoren quartalsweise regelmäßig Einnahmen. Kein Wunder also, dass der fast 90-jährige Starinvestor Warren Buffett nach wie vor milliardenschwere Beteiligungen an dem Unternehmen hält. In der Corona-Pandemie hat das Unternehmen allerdings gelitten. Durch Schließungen von Restaurants und eingeschränkte Verkäufe im Lebensmittelhandel brachen im zweiten Quartal die Einnahmen um 28 Prozent im Vergleich zum Vorjahr ein.

Coca-Cola
43,59EUR

+0,50(+1,16%)

Tradegate
  • 1 Tag
  • 6 Monate

Trotzdem ist es dem US-Unternehmen gelungen, ein Ergebnis von 0,41 US-Dollar je Aktie zu erwirtschaften. Selbst im schwachen zweiten Quartal ist die Dividende also vom Gewinn gedeckt gewesen. Coca-Cola hat verkündet, ein Großteil der schwierigen Zeit sei womöglich schon überstanden. Das Unternehmen besitzt die Rechte an weltweit rund 500 Marken. Dabei gehören Coca-Cola, Diet Coke, Sprite und Fanta zu den „World’s top five“ der nicht alkoholischen Getränke.

Quelle: https://www.focus.de/finanzen/boerse/aktien/dividendenstrategie-mit-diesen-drei-dividendenpapieren-monatlich-ausschuettungen-kassieren_id_12402562.html geladen am 07.09.2020

Details zum EU Verbrauchs-Kontrollsystem für Neuwagen

Brisantes Bundestags-Gutachten

Selbst Hybridfahrzeuge im Visier: Wie die EU bei jeder Fahrt den CO2-Ausstoß überwacht

Klimapaket der Bundesregierung

Julian Stratenschulte/dpa Bild 1/2
Spritverbrauch: Die Tankanzeige eines Autos steht auf Reserve

Viehmann Bild 2/2 – Spritverbrauch: Die Tankanzeige eines Autos steht auf Reserve

Die EU hat ein Verbrauchs-Kontrollsystem für Neuwagen eingeführt. Es werden Daten jeder einzelnen Fahrt gesammelt. Ein Bundestags-Gutachten, das FOCUS Online vorliegt, enthüllt das wahre Ausmaß der Überwachung. Vor allem Hybridautos haben jetzt ein Problem.

Seit dem 1. September gelten in der EU neue Abgas-Regeln. Daneben wirbt die EU-Kommission auch mit einer neuen, effektiveren Überwachung der Autohersteller, mit der man einen neuen Abgas-Skandal verhindern wolle. Viele Autofahrer dürften allerdings gar nicht wissen, was das wirklich bedeutet: Bei jedem einzelnen Neuwagen werden bei jeder einzelnen Fahrt unter anderem Verbrauch, gefahrene Kilometer und Geschwindigkeit gespeichert und können ab dem 1. Januar 2021 an die EU-Kommission übermittelt werden. Und zwar nicht nur durch die Hersteller oder Behörden, sondern auch durch Direktübertragung im Fahrzeug. Die EU hat also nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit ein massives Überwachungssystem scharf geschaltet, denn es befindet sich bereits an Bord von Neuwagen. Das könnte vor allem für Hersteller von Plug-In-Hybridfahrzeugen problematisch werden – und damit besonders für deutsche Hersteller wie Audi, BMW und Mercedes. Doch dazu später mehr.

Wie die EU den CO2-Ausstoß bei Neuwagen überwacht

Das ganze Ausmaß der Datensammelwut der EU-Behörden beschreibt ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags aus dem August 2020. Das zehnseitige Papier mit dem Namen „Einzelfragen zur Überwachung des CO2-Ausstoßes von PKW“ wurde vom Fachbereich Wirtschaft und Verkehr, Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz erstellt und liegt FOCUS Online vor.

Ein Bundestags-Gutachten offenbart das ausmaß der EU-Überwachung bei Neuwagen - dabei geht es um die CO2-Emissionen

privat Ein Bundestags-Gutachten offenbart das ausmaß der EU-Überwachung bei Neuwagen – dabei geht es um die CO2-Emissionen

So funktioniert der Onboard-Verbrauchs-Spion der EU

Die Technik, die bei allen Neuwagen bereits an Bord ist, funktioniert folgendermaßen:

  • Eine EU-Verordnung vom 5. November 2018 schreibt vor, dass „Personenkraftwagen und leichte Nutzfahrzeuge mit einer Einrichtung zur Überwachung des Kraftstoff- und/oder Stromverbrauchs ausgestattet sind“.
  • Die Pflicht gilt für jeden einzelnen Neuwagen, der entweder mit einem Verbrennungsmotor fährt – egal, ob mit Benzin, Diesel oder Ethanol betrieben, wobei Erd- oder Autogas als Kraftstoff interessanterweise nicht erwähnt werden – sowie für Plug-In-Hybride, also Fahrzeuge mit einer Kombination aus Elektro- und Benzinmotor inklusive einer extern aufladbaren Batterie.
  • Die eigentliche Überwachungstechnologie heißt OBFCM (On Board Fuel Consumption Monitoring). Sie speichert – als Hard- und/oder Software-Element – folgende Informationen: Kraftstoffverbrauch, zurückgelegte Strecke, Kraftstoffdurchsatz des Fahrzeugs und des Motors sowie Fahrgeschwindigkeit.

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Nach Januar 2021 darf kein Neuwagen mehr zugelassen werden, der nicht den EU-Verbrauchs-Spion an Bord hat. Die Daten müssen während des gesamten Fahrzeuglebens intern gespeichert werden, zudem muss laut Vorschrift jederzeit ein „standardisierter und unbeschränkter Zugriff“ ermöglicht werden.

Abweichungen erhöhen die Strafzahlungen der Hersteller

Grundsätzlich dienen die Daten der Kontrolle der Autohersteller bei der Einhaltung von Verbrauchsnormen. Die Typgenehmigungsbehörden sollen anhand von Stichproben überprüfen, ob die im Verkehr gemessenen Verbrauchs- und CO2-Werte mit den Angaben in der Typgenehmigung der Fahrzeuge übereinstimmen. Wie das Bundestags-Gutachten ausführt, müssen alle Abweichungen „unverzüglich“ an die EU-Kommission gemeldet werden – und werden bei der Berechnung der durchschnittlichen spezifischen CO2-Emissionen des jeweiligen Herstellers berücksichtigt.

Neuer Sauber-Diesel im Praxischeck: Stimmen endlich die Verbrauchsangaben?

FOCUS Online Neuer Sauber-Diesel im Praxischeck: Stimmen endlich die Verbrauchsangaben?

Ein Knackpunkt – mal abgesehen von der Frage, ob eine Überwachung aller Autofahrer nicht erhebliche datenschutzrechtliche Probleme bereiten könnte, etwa wenn Daten gehackt werden – ist die Tatsache, dass Abweichungen die Strafzahlungen für Autohersteller, die die EU-Flottenvorgaben nicht schaffen, noch einmal erhöhen können. Im Gutachten heißt es dazu: „Die nach dem beschriebenen Verfahren von den nationalen Behörden festgestellten und an die Kommission gemeldeten Unregelmäßigkeiten wirken sich auf die von einem Hersteller zu erhebende Abgabe wegen Emissionsüberschreitung nach Art. 8 der Verordnung (EU) 2019/631 aus.“ Die Rede ist von mehreren tausend Euro bei Verstößen – und zwar pro Fahrzeug.

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Noch offen ist, wie genau die Daten an die EU-Kommission übermittelt werden. „Derzeit ist eine Durchführungsverordnung über die Überwachung und Meldung der CO2-Emissionen bestimmter Fahrzeuge in Vorbereitung“, schreiben die Gutachter des wissenschaftlichen Dienstes. Da die EU-Verordnung ausdrücklich auch eine „Direktübertragung“ vorsieht, könnte das also theoretisch bedeuten: Künftig funkt Ihr Auto womöglich permanent Verbrauch, CO2-Ausstoß Fahrtstrecke und Geschwindigkeit nach Brüssel.

Ist die Überwachung nur der erste Schritt?

Autofahrer sollten deshalb  alle Entwicklungen zu diesem Thema aufmerksam verfolgen, weil ja nicht in Stein gemeißelt ist, dass eine einmal installierte Überwachungstechnologie nur zur Erfolgskontrolle von Abgas-Gesetzen genutzt wird. Mit der Technik ließe sich theoretisch auch eine allumfassende „Mobilitätssteuer“ eintreiben: Jeder Autofahrer müsste dann, im Interesse des Klimaschutzes, für jeden Kilometer und jedes Gramm CO2 bezahlen. Geändert werden müsste dafür nur die Datenerhebung, die bislang mit anonymisierten Datensätzen erfolgt.

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Dass es derartige Begehrlichkeiten bereits gibt, zeigt eine Nachricht aus dem Mai 2020. Damals verkündete der „Sachverständigenrat für Umweltfragen“, der die Bundesregierung und das Umweltministerium von Svenja Schulze (SPD) berät, es seien „Maßnahmen unerlässlich, die eine individuelle Pkw-Nutzung unattraktiver machen“. Die vorgeschlagene Lösung: Eine Art Super-Maut für alle Straßen, die sich an „Fahrtstrecke, Schadstoff-, Lärm- und CO2-Emissionen“ richtet. Mit dem EU-Datensammler an Bord aller Neuwagen wäre die Technik dafür also schon vorhanden.

Verbraucherschutz oder Bürokratie-Wasserkopf?

Allerdings geht es der EU mit der Kontrolle auch um einen besseren Verbraucherschutz. Kunden sollen bei betrügerischem Vorgehen von Autoherstellern besser geschützt werden und mehr Möglichkeiten für Schadensersatz haben. So könnten etwa bei Verbraucherklagen gegen Autohersteller solche Datensätze eine Rolle spielen und Klagen erleichtern.

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Die zu erwartenden Verbrauchsabweichungen sind nämlich vor allem bei den Plug-In-Hybriden sehr groß. Die EU, die durch die Abgasregeln die Autohersteller überhaupt erst dazu gezwungen hat, Fahrzeuge wie Plug-In-Hybride in der Breite anzubieten, hat zwar die systemische Schwäche dieser Antriebsart erkannt. Doch wenn die Autofahrer die Fahrzeuge nicht bestimmungsgemäß benutzen, etwa weil häufiges Aufladen gar nicht in ihr Nutzungsprofil passt, können die Autohersteller letztlich nichts daran ändern.

Den Herstellern bleiben einige Jahre Schonfrist

Bis 2026 soll zunächst ein jährlicher Bericht angelegt werden, um die Trends zu erkennen, bevor dann spätestens 2030 Sanktionen wirksam werden. Den Autoherstellern dürfte also in den kommenden Jahren sehr daran gelegen sein, den Kunden einzutrichtern, wie wichtig das regelmäßige Aufladen der Hybride ist. Denn daran hapert es noch, sagt die umweltpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Judith Skudelny: „Bei Plug-In-Hybriden ist besonders der Leasingmarkt wichtig. Hier zeigen Erfahrungen unter anderem von Audi, dass eben nicht bei allen Fahrzeugen oft geladen wird – manche Fahrzeuge kommen aus dem Leasing zurück, ohne auch nur einmal aufgeladen worden zu sein“, so Skudelny zu FOCUS Online. Massive Abweichungen zwischen Norm- und Realverbrauch wären die Folge.

Der Verband der internationalen Autohersteller VDIK springt für die Technologie in die Bresche, sieht aber letztlich dieselben Probleme: „Plug-In-Hybride leisten einen erheblichen Beitrag zur CO2-Reduzierung, wenn sie bestimmungsgemäß genutzt werden. Wer die elektrische Reichweite ausschöpft und täglich Ökostrom lädt, kann nahezu 100 Prozent klimaneutral fahren. Wir beobachten vor allem bei Privatkunden, dass sehr viel elektrisch gefahren wird. Bei Dienstwagen kommt es unter anderem darauf an, dass von den Flottenverantwortlichen starke Anreize für elektrisches Fahren gesetzt werden, z.B. durch Ladekarten“, so der Verband in einer aktuellen Mitteilung.

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Worauf es der EU beim CO2-Ausstoß ankommt

Um zu verstehen, warum es solche Vorschriften überhaupt gibt und was ihre Vor- und Nachteile sind, muss man etwas weiter ausholen. So wird auch klar, warum die EU – ganz im Gegensatz übrigens zu den USA oder China – die Elektromobilität quasi als alternativlose Technologie ansieht und bei allen anderen Technologien, inklusive Hybride, die regulatorischen Daumenschrauben anzieht.

  • Für den CO2-Ausstoß gilt kein Höchstwert für ein einzelnes Fahrzeug, es wird aber ein Zielwert für die Flotte des Herstellers vorgeschrieben. Dieser bezieht sich auf den Durchschnitt der CO2-Emissionen jedes neuen in der EU zugelassenen Fahrzeugs eines Herstellers in einem Kalenderjahr.
  • Emissionsfreie und emissionsarme Fahrzeuge werden dabei bis 2022 mehrfach angerechnet und sind deshalb für die Flottenbilanz enorm wichtig. Der wissenschaftliche Dienst des Bundestages führt dazu im Zusammenhang mit dem neuen Verbrauchs-Testverfahren WLTP aus: „Auf die bei der Herstellung der Fahrzeuge oder bei der Erzeugung der elektrischen Energie für Elektrofahrzeuge freigesetzten CO2-Emissionen kommt es bei diesen Prüf- und Berechnungsverfahren nicht an. Auch die Verwendung von Kraftstoffen mit CO2-Einsparungspotential bei der Herstellung, wie z. B. bestimmter synthetische Kraftstoffe, spielt keine Rolle.“
  • Weiter heißt es: „Im Rahmen der Überprüfung der Verordnungen (EU) 2019/631 und (EU) 2019/1242 wird die Kommission auch untersuchen, inwiefern synthetische und fortschrittliche alternative Kraftstoffe aus erneuerbaren Energiequellen einen Beitrag zur Verringerung der Emissionen leisten können. Außerdem wird die Kommission im Einklang mit diesen Verordnungen bis spätestens 2023 die Möglichkeit prüfen, eine EU-Methode zu entwickeln, mit der die CO2-Emissionen von Fahrzeugen bewertet und gemeldet werden“.
  • Die CO2-Emissionen werden in Gramm pro Kilometer und der Stromverbrauch in Wattstunden pro Kilometer angegeben – bei Plug-In-Hybriden müssen beide Angaben gemacht werden. Es gibt aber einen Haken, der letztlich synthetische Kraftstoffe benachteiligt: Es kommt laut EU-Verordnung ausschließlich auf den lokalen CO2-Ausstoß eines Fahrzeugs an. „Würde die Zulassungsbehörde eines Mitgliedstaats ein Fahrzeug mit lokalem CO2-Ausstoß als emissionsfrei deklarieren oder einem reinen Elektrofahrzeug CO2-Emissionen zuordnen, könnte dies als Verstoß gegen die oben genannten Verordnungen gewertet werden“, schlussfolgert das Bundestags-Gutachten.
Verbrauchsanzeige im Tesla Model 3. Der rot markierte Teil zeigt eine schnelle Autobahnfahrt: Der Verbrauch an elektrischer Energie steigt hier exorbitant an

Viehmann Verbrauchsanzeige im Tesla Model 3. Der rot markierte Teil zeigt eine schnelle Autobahnfahrt: Der Verbrauch an elektrischer Energie steigt hier exorbitant an

„Das Elektroauto wird schön- und der Verbrenner schlechtgerechnet“

Nur Elektrofahrzeuge sind also per Definition emissionsfrei – was die tatsächliche Bilanz des zum Aufladen produzierten Stroms ausblendet. So führen etwa in Deutschland die Systemfehler der Energiewende dazu, dass E-Fahrzeuge mitunter mit einem hohen Anteil von Kohlestrom geladen werden.FDP-Umweltpolitikerin Skudelny kritisiert diese Fokussierung auf die E-Mobilität: „Mit dieser Politik wird der Diesel und Benziner, aber auch der Plug-In Hybrid, geradezu abgeschossen. Die EU rechnet sich in ihrer Bewertung die E-Mobilität schön und alles andere schlecht“, so Skudelny zu FOCUS Online.

Droht der Abgasskandal 2.0?

Fakt ist aber auch: Die anvisierten Elektro-Ziele erreicht die massiv ausgebaute Förderung durchaus, wie die zuletzt extrem gestiegenen Zulassungszahlen für Elektrofahrzeuge zeigen. Im August lag der Marktanteil der „Elektrischen“ bei Neuzulassungen bereits bei 13 Prozent. Allerdings sind gerade die deutschen Hersteller dabei auf die Hybridmodelle angewiesen, deren Zukunft mit den neuen Verbrauchs-Richtlinien unklar bleibt. „Plugin-Hybride tragen mit 4,8 Prozent wesentlich mehr zum Wachstum bei als reine Elektrofahrzeuge, die auf einen Anteil von 4,3 Prozent kommen“, sagt Automarkt-Experte Professor Stefan Bratzel.

Sollte sich herausstellen, dass die Diskrepanz zwischen offiziellen Verbrauchsdaten und realer Nutzung tatsächlich viel größer ist als angenommen, stünde die Bundesregierung auch noch vor einem ganz anderen Problem. Sie fördert nicht nur Elektroautos, sondern auch Hybride massiv aus Steuergeldern und bevorzugt diese Antriebsarten auch bei der Dienstwagenbesteuerung gegenüber Diesel- und Benzin-Fahrzeugen. Diese Förderung wäre dann wohl zu unrecht ergangen – was ganz neue juristische Konsequenzen bedeuten könnte.

Quelle: https://www.focus.de/auto/news/brisantes-gutachten-selbst-hybridfahrzeugen-droht-das-aus-eu-plant-totalueberwachung-bei-verbrauch-und-co2_id_12394141.html geladen am 07.09.2020

Aufbau Ostdeutschlands in Zahlen

Nicht nur die Berliner Mauer teilte Deutschland bis 1989 in Ost und West. Das Bild zeigt eines der letzten erhaltenen Teilstücke der ehemaligen Grenzanlage zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik in Hötensleben (Sachsen-Anhalt). (Bild: Clemens Bilan / EPA)

In den «blühenden Landschaften» Ostdeutschlands herrscht Unzufriedenheit

In den dreissig Jahren seit dem Mauerfall hat die ostdeutsche Wirtschaft stark zulegt. Doch noch immer gibt es eine Kluft zwischen dem Osten und dem Westen des Landes – und viel Unzufriedenheit. René Höltschi, Berlin 03.11.2019, 07.50 Uhr Merken Drucken Teilen

«Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt»: Dieser im Juli 1990 vom damaligen deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl ausgesprochene Satz ist in die Geschichte eingegangen. Doch wird er heute zitiert, ist der Ton nicht selten zynisch. Laut einer im jüngsten Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der deutschen Einheit zitierten Umfrage halten nur 38% der Befragten in Ostdeutschland die Wiedervereinigung für gelungen. 57% fühlen sich «als Bürger zweiter Klasse». Unzufriedenheit manifestiert sich auch im Stimmenzuwachs der rechtspopulistischen AfD in den jüngsten Landtagswahlen in drei der fünf neuen Bundesländer (Sachsen, Brandenburg und Thüringen).

Der Osten hat aufgeholt

Ist diese Stimmung die Folge einer miesen ökonomischen Lage? Aus wirtschaftlicher Sicht sei die Gesamtbilanz seit dem Mauerfall überaus erfreulich, sagt der Magdeburger Ökonomieprofessor Steffen Müller, der am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (IWH) im ostdeutschen Halle arbeitet und aus Sachsen stammt. Der US-Ökonom Michael Burda, der seit 1993 an der Berliner Humboldt-Universität forscht und die Transformation verfolgt, spricht sogar von einem «Riesenerfolg», wenn man nur die aggregierten Daten für ganz Ostdeutschland ansehe und sich in Erinnerung rufe, wie es früher um die Region gestanden sei.

In der Tat hat sich die Wirtschaftskraft Ostdeutschlands in den dreissig Jahren seit dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 jener Westdeutschlands stark angenähert. Das reale Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf ist laut einem Bericht des Sachverständigenrats zur Begutachtung der wirtschaftlichen Entwicklung («Wirtschaftsweise») in Ostdeutschland seit 1991 um 102% und damit mehr als doppelt so stark gewachsen als in Deutschland insgesamt (vgl. Grafik). Allerdings holte der Osten vor allem in der ersten Hälfte der 1990er Jahre rasch auf, als massiv in die vernachlässigte Infrastruktur investiert wurde. Seither verläuft der Aufholprozess viel langsamer.

Annäherung vor allem in den ersten Jahren

Reale Wirtschaftsleistung (BIP) pro Kopf, in tausend Euro (Preisbasis = 2010) Deutschland Ostdeutschland Westdeutschland 19912018010203040 Quelle: Sachverständigenrat NZZ / Ht.

Lag das BIP pro Kopf in Ostdeutschland laut dem erwähnten Jahresbericht der Bundesregierung 1991 bei nur 43% (Ostdeutschland ohne Berlin: 32) des westdeutschen Niveaus, waren es 2018 immerhin 75% (69). Damit hinkt der Osten des Landes dem Westen zwar noch immer hinterher. Aber er befindet sich ungefähr auf dem Niveau des EU-Durchschnitts (EU-28). Tschechien und Polen, die 1989/90 einen ähnlichen Transformationsprozess eingeleitet haben, haben diesen Durchschnitt noch längst nicht erreicht.

Ein noch etwas günstigeres Bild zeigen die Löhne. Zwar verdienten ostdeutsche Vollzeitbeschäftigte 2018 im Durchschnitt noch immer 16% weniger als solche in Westdeutschland. Doch auch die Lebenshaltungskosten sind etwas geringer, so dass die Niveaus des durchschnittlichen Lebensstandards nicht mehr dramatisch auseinanderklaffen.

Die Arbeitslosigkeit ist fast so gering wie im Westen

Arbeitslosenquote, in % Westdeutschland Ostdeutschland 1994201805101520 Quelle: Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der deutschen Einheit 2019 NZZ / Ht.

Besonders eindrücklich ist die Entwicklung der Arbeitslosigkeit. Nach der Wende stieg die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland zunächst stark an, bis sie 2005 mit rund 19% einen Höhepunkt und fast das Doppelte des westdeutschen Niveaus erreichte. Bis im Oktober 2019 ist sie auf 6,1% zurückgegangen, womit sie nun nur noch leicht über dem westdeutschen Durchschnitt von 4,6% liegt. Die Bundesländer Thüringen, Sachsen und Brandenburg stehen sogar besser da als mehrere westdeutsche Länder.

Fluch der Demografie

Allerdings hat dieser Erfolg eine problematische Kehrseite: Zum Teil ist er darauf zurückzuführen, dass seit 1990 netto über 1,2 Mio. Menschen die neuen Länder verlassen haben. Inzwischen leben dort noch 12,6 Mio. Einwohner oder 15% der deutschen Gesamtbevölkerung, wobei sich die Zahl in den letzten drei Jahren immerhin stabilisiert hat. Weitere 3,6 Mio. Menschen zählt Berlin, das heute mehr Einwohner hat als 1990. Während Westdeutschland und dort insbesondere die süddeutschen Regionen wirtschaftlich von der Zuwanderung junger, gut ausgebildeter Ostdeutscher profitiert haben, führte im Osten die Nettoabwanderung in Kombination mit einem Geburtenknick zu einer Überalterung und neuerdings zu einem Fachkräftemangel. Beides hemmt die wirtschaftliche Entwicklung, zudem schwächt der demografische Wandel die Finanzkraft der neuen Länder. Zuwanderung könnte das Problem entschärfen, doch damit tut man sich bis jetzt schwer.

Warten am Bahnhof von Tangerhütte in Sachsen-Anhalt. Wie anderswo im ländlichen Raum in Ostdeutschland ist die Bevölkerung von Tangerhütte seit der Wende deutlich geschrumpft. (Bild: Sean Gallup / Getty)
Mit ähnlichen Problemen wie Tangerhütte kämpft Bernburg. Viele junge Menschen haben solche ostdeutschen Kleinstädte verlassen, um ihr Glück in Grossstädten wie Berlin, Leipzig oder Dresden zu suchen. (Bild: Carsten Koall / Getty)

Für anhaltende Debatten sorgt die Produktivitätslücke: Gemessen am BIP pro Arbeitsstunde, liegt die Produktivität in Ostdeutschland 20% unter jener in Westdeutschland. Nach einem zügigen Aufholen bis etwa Mitte der 1990er Jahre verbessert sich auch dieser Indikator nur mehr schleppend. Der Regierungsbericht verweist auf strukturelle Gründe. So ist die ostdeutsche Wirtschaft kleinteiliger als die westdeutsche, es mangelt an Konzernzentralen, und die Siedlungsstruktur ist ländlich geprägt. Kein einziges ostdeutsches Unternehmen ist im Börsenindex DAX 30 vertreten. All dies hat weitere Folgen: Kleinere Unternehmen sind im Durchschnitt weniger produktiv und exportorientiert als grosse, Forschungsabteilungen werden eher in den Zentralen angesiedelt als in peripheren Fertigungsstätten. Und weil es bei der industriellen Produktivität in ganz Deutschland ein Stadt-Land-Gefälle gibt, beeinflusst laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) allein schon der grössere Anteil an ländlichen Gebieten die Produktivität im Osten negativ. Und selbst beim Vergleich von Betrieben gleicher Grösse und aus derselben Branche bleibt die Produktivitätslücke bestehen, wie das IWH im März vorgerechnet hat.

Lähmende Fremdbestimmung

Reichen solche Unterschiede zur Erklärung der Unzufriedenheit in Ostdeutschland aus? Eine verstärkende, wenn auch schwer zu erfassende Rolle scheinen «weiche» Faktoren zu spielen. Müller verweist auf die wirtschaftliche Abhängigkeit und die bis heute anhaltende Untervertretung Ostdeutscher in Spitzenpositionen. Nach der Wende gingen viele DDR-Firmen in Konkurs, andere verkauften die für die Privatisierung zuständige Treuhand an westliche Eigentümer bzw. Muttergesellschaften, zumal Ostdeutschen damals nicht nur Kapital, sondern auch unternehmerische Erfahrung fehlte. Viele Westler brachten dringend nötiges Kapital und Know-how ein, manche waren nur auf schnelles Geld aus. Zusammen mit der Abhängigkeit von Transferzahlungen trägt all dies bis heute zu einem Gefühl der Fremdbestimmung bei, das Eigeninitiativen bremst. Auch hätte man die vielen Verlierer, die die Wende geschaffen habe, besser behandeln sollen, ergänzt Burda.

Der Eindruck von Fremdbestimmung geht über die Wirtschaft hinaus und hat auch mit der Art der Wiedervereinigung zu tun: De facto erfolgte sie in Form des Beitritts der DDR zur damaligen Bundesrepublik. Über die per 1. Juli 1990 in Kraft gesetzte Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion übernahm Ostdeutschland die D-Mark als Währung sowie grosse Teile der westdeutschen Wirtschafts- und Rechtsordnung; am 3. Oktober 1990 folgte der Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes.

«Kommt die D-Mark . . .»

Seinerzeit warnte der damalige Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl vor einer überhasteten Währungsunion und einem «falschen» Umtauschkurs. Entgegen seinem Rat wurden Löhne, Gehälter, Renten, Mieten und andere «wiederkehrende Zahlungen» per 1. Juli 1990 im Verhältnis 1:1 von Ost- auf Westmark umgestellt. Kleine Summen an Bargeld und Bankguthaben konnten die DDR-Bürger ebenfalls im Verhältnis 1:1 umtauschen, für Beträge darüber lag das Verhältnis bei 2:1. Gemessen an der internationalen Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft war die ostdeutsche Währung damit viel zu hoch bewertet; auf dem Schwarzmarkt kostete eine Westmark nicht eine oder zwei, sondern acht bis zehn Ostmark.

Zwar brach die Wirtschaft damals in allen ehemaligen Ostblockstaaten ein. Jahrzehnte der kommunistischen Plan- und Misswirtschaft mit ihren gigantischen Fehlallokationen liessen sich nirgends ohne Anpassungskrise überwinden. Doch in Ostdeutschland verschärfte der Umtauschkurs den Schock, während ihn andere osteuropäische Staaten über Abwertungen abfedern konnten. Viele ostdeutsche Produkte fanden über Nacht kaum mehr Abnehmer, die Löhne waren, gemessen an der Produktivität, zu hoch. Firmenschliessungen und Arbeitslosigkeit waren die Folge. Abgefedert wurde dies allerdings mit einem Finanztransfer von West nach Ost, der je nach Berechnung über die Jahre Hunderte von Milliarden Euro erreicht hat – auch dies ein Unterschied zu anderen Transformationsländern.

Ob ein anderer Weg, etwa ein stufenweiser Übergang, überhaupt möglich gewesen wäre, ist im Rückblick fraglich. Zum einen drohte die DDR damals auszubluten. Allein von Oktober 1989 bis Januar 1990 waren über 300 000 Menschen von der DDR in die BRD übergesiedelt. «Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!», lautete der Slogan an Kundgebungen, und auch der Umtauschkurs 1:1 war eine zentrale politische Forderung. Um diese Entwicklungen aufzuhalten, hätte man wohl die Mauer wiedererrichten müssen, verdeutlicht Burda das Dilemma. Eile geboten war zum andern, weil unklar war, wie lange das weltpolitische Fenster für eine von der Sowjetunion tolerierte Wiedervereinigung offen bleiben würde.

Wie weiter?

Wenn dreissig Jahre zur Erreichung des politischen Ziels der «gleichwertigen Lebensverhältnisse» in ganz Deutschland nicht ausgereicht haben, ist es dann je erreichbar? Gibt es nicht in jedem Staat hartnäckige regionale Unterschiede? Die Politik kann die Versorgung mit Verkehrs- und Breitbandnetzen, mit medizinischen und Bildungseinrichtungen angleichen, aber sie kann (und soll) weder Menschen zum Verbleib in ländlichen Gebieten verpflichten noch Konzerne zwingen, ihren Hauptsitz in den Osten zu verlegen. Tech-Startups siedeln sich selbst bei bester Internetverbindung selten in der tiefsten Provinz an, weil sie dort nicht genügend qualifizierte Mitarbeiter finden. Aber sie kommen zum Beispiel nach Leipzig, das trendy ist und zugleich billiger als Berlin.

Vor diesem Hintergrund hat die erwähnte IWH-Studie zur Produktivität mit zwei Empfehlungen innenpolitischen Staub aufgewirbelt. Zum einen kritisierte sie die bisherige Förderpolitik als überholt: Seien Subventionen an die Bedingung geknüpft, Arbeitsplätze zu erhalten oder zu schaffen, könne dies die Steigerung der Arbeitsproduktivität behindern. Auf diese Weise würden Jobs geschaffen, die es sonst gar nicht gäbe und die wenig produktiv seien, erklärt Co-Autor Müller. In Zeiten des Fachkräftemangels sollte Wirtschaftsförderung stattdessen für Produktivitätssteigerung sorgen, so das IWH.

Zum andern betont die Studie, zur Förderung der wirtschaftlichen Konvergenz Ostdeutschlands müssten vor allem die dortigen Städte gestärkt werde, etwa durch Investitionen in Infrastruktur, schnelles Internet, Bildung und Wissenschaft, weil im urbanen Raum die Chance auf wirtschaftlichen Fortschritt am grössten sei. Ähnlich wie nach dem Zweiten Weltkrieg die Wachstumslokomotive München ganz Bayern hochgezogen habe, könnten künftig das rasch wachsende Berlin, aber auch Städte wie Leipzig oder Dresden auf ihr Umfeld ausstrahlen, schreibt mit ähnlicher Stossrichtung Karl-Heinz Paqué, Ökonomieprofessor, Vorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung und ehemals FDP-Finanzminister in Sachsen-Anhalt.

Etwas mehr Optimismus à la Paqué – gepaart mit langem Atem – täte dem Osten gut. Dass blühende Landschaften innert weniger Jahre ganz Ostdeutschland überziehen würden, war nie realistisch und hat unerfüllbare Erwartungen geweckt. Ebenso überzogen und lähmend erscheint aber die inzwischen verbreitete Neigung, Ostdeutschland auf Dauer als Krisengebiet am Subventionstropf abzuschreiben.

Sie können dem Berliner Wirtschaftskorrespondenten René Höltschi auf Twitter folgen.

Quelle: https://www.nzz.ch/wirtschaft/30-jahre-mauerfall-in-ostdeutschland-blueht-die-unzufriedenheit-ld.1516418 geladen am 07.09.2020

Eine nächste grosse Herausforderung für Ostdeutschland bedeutet der geplante Ausstieg aus der Kohleverstromung. Das Bild von 2015 zeigt den Braunkohle-Tagebau Amsdorf. (Bild: Alexander Koerner / Getty)
Nicht alle Tulpen kommen aus Amsterdam. Im ostdeutschen Schwaneberg (Sachsen-Anhalt) werden im grossen Stil Tulpenzwiebeln kultiviert. (Bild: Sean Gallup / Getty)

Steuerreform trifft Autofahrer

Steuerreform trifft Autofahrer

Fast alle zahlen drauf: Die neue Kfz-Steuer kostet bis zu 130 Euro mehr

Eine CO2-Steuer soll das Tanken deutlich teurer machen (Symbolbild) Mobil in Deutschland Eine CO2-Steuer soll das Tanken deutlich teurer machen (Symbolbild) Sonntag, 06.09.2020, 21:40 Nicht nur der Sprit wird 2021 deutlich teurer, auch bei der Kfz-Steuer gibt es Erhöhungen. Käufer besonders emissionsarmer Autos können vom nächsten Jahr an zwar mit Ersparnissen bei der Kfz-Steuer rechnen. Die fallen allerdings gering aus – und fast alle anderen zahlen drauf.

Das geht aus Berechnungen des Bundesfinanzministeriums zur geplanten Reform der Kfz-Steuer hervor, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete.

Für neu zugelassene Autos mit hohem Spritverbrauch soll ab 2021 die Kfz-Steuer ansteigen. Das soll die Bürger dazu bringen, sparsamere Pkw zu kaufen. Die CO2-Komponente in der Steuer, die es auch jetzt schon gibt, soll dafür gestaffelt erhöht werden. Teurer wird die Steuer damit vor allem für große und schwere SUV oder Sportwagen, aber auch für PS-starke Mittelklassefahrzeuge.

Kfz-Steuer: Fast alle zahlen drauf – die meisten aber nicht viel

Für Neuwagen mit einem hohem CO2-Ausstoß von 195 Gramm je Kilometer und mehr steigt die jährliche Kfz-Steuer laut Ministerium demnach im Schnitt um 130 Euro für Benziner und 101 Euro für Diesel-Fahrzeuge. Wer dagegen eines der saubersten Fahrzeuge kauft, die bis zu 95 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen, zahlt nach der Reform im Schnitt rund 30 Euro weniger als nach dem bisherigen Steuersystem.

Für die breite Masse der Autos hat die Reform laut den Zahlen einen eher geringen Effekt. Für die Fahrzeuggruppe, die zwischen 116 und 175 Gramm CO2 pro Kilometer ausstößt, das sind vor allem Klein- und Mittelklassewagen, muss zwischen zwei und 23 Euro mehr pro Jahr gezahlt werden.

Beim Tanken wird es empfindlich teurer

Massiv zu spüren bekommen werden die allermeisten Autofahrer die Kosten des Klima-Paktes für die Verbraucher allerdings an der Tankstelle. Um die Fahrer von Elektroautos zu subventionieren, wird eine neue CO2-Steuer auf Kraftstoffe zusätzlich zur bereits vorhandenen Ökosteuer erhoben.

Benzin und Diesel werden damit stufenweise teurer, zunächst um 7 Cent pro Liter beim Benzin. Betroffen sind damit vor allem berufliche Vielfahrer, Pendler und Besitzer älterer, weniger sparsamer Fahrzeuge – sie sollen den Ausbau der E-Mobilität finanzieren.

Der Grünen-Finanzpolitiker Stefan Schmidt sagte der „Süddeutschen Zeitung“, die Regierung begnüge sich mit Symbolpolitik. „Mehrkosten von maximal ein paar Dutzend Euro im Jahr werden die Menschen nicht davon abhalten, Spritschlucker zu kaufen.“

Auch bei Kfz-Versicherung drohen Mehrkosten

Viele Autofahrer müssen sich zudem bei der Kfz-Versicherung auf zusätzliche Kosten einstellen: Die Anbieter haben bei der Überprüfung der Regionalklassen Millionen Autofahrer in eine schlechtere Klasse eingestuft. Vor allem Städter sind davon betroffen. Ihnen droht damit ein höherer Beitrag für die Autoversicherung.

Quelle: https://www.focus.de/finanzen/steuern/steuer-reform-die-neue-kfz-steuer-kostet-bis-zu-130-euro-mehr-wenige-sparen_id_12394835.html geladen am 06.09.2020

Rendite bei Rentenprodukten genau berechnen lassen

René will Rendite

34.000 Euro gespart: Simple Frage bewahrte mich vor teurem Fehler bei der Rente

Privat für die Rente vorsorgen ist wichtig. Doch manche Vorsorgeprodukte sind schwierig zu verstehen. Doch teure Fehler lassen sich vermeiden, wenn man ein paar Dinge beachtet.

Beispielhaft dafür möchte ich euch von dem Besuch eines Versicherungsvertreter bei mir  vor einigen Tagen erzählen. Er pries mir ein Produkt seiner Gesellschaft an: die Basisrente. Der große Vorteil: Bei dieser Basisrente lassen sich die Beiträge von der Steuer absetzen. Das wären in meinem Fall knapp 30 Prozent gewesen. „Das schaffen Sie mit keinem ETF“, war der Vertreter überzeugt.

30 Prozent klang echt nach viel Geld. Und dazu sollte die Versicherung mir die Rente ein Leben lang zahlen. Also abschließen oder nicht? Ich hatte keine Ahnung, fühlte mich völlig überfordert. „Wenn Sie das nicht machen, verschenken Sie Geld!“, versuchte mich der Vertreter zu überzeugen.

Tipp 1: Vorrechnen lassen vom Vertreter

Da kam mir eine Idee: Ich fragte den Vertreter, ob er mir das einmal vorrechnen kann. Auf der einen Seite 125 Euro über 25 Jahre in den MSCI World, auf der anderen 125 Euro in diese Basisrente. Das Ergebnis: Mit dem ETF-Sparplan hätte ich nach den 25 Jahren rund 75.000 Euro gehabt. Unterstellt hatten wir dabei eine Durchschnittsrendite von fünf Prozent pro Jahr. Das war ja schnell zu rechnen.

Die Basisrente war schon komplexer. Doch nach einigem Hin und Her stand auch hier das Ergebnis: Nach 25 Jahren hätte ich mit ein bisschen Zinsen 28.000 Euro eingezahlt und eine Steuerersparnis von rund 13.000 Euro gehabt. Macht zusammen: rund 41.000 Euro Also deutlich schlechter. Klar ist die Summer garantiert und sicher und beides so nicht miteinander vergleichbar. Aber dafür auf potenziell über 30.000 Euro verzichten…?

Nichts verpassen

Für mehr Tipps rund ums Geld, folgt René will Rendite bei Facebook und Youtube.

Tipp 2: Nichts aufreden lassen, hartnäckig bleiben

Doch so leicht wollte sich der Vertreter nicht geschlagen geben. Denn man könnte ja die Steuerersparnis wiederum anlegen, argumentierte er. Also rechnete er einen Sparplan auf den MSCI World mit 42 Euro im Monat durch, also 34 Prozent von 125 Euro. Das bracht nochmal rund 26.000 Euro ein. Das Ergebnis war also noch immer schlechter. Und dabei hatten wir noch gar nicht berücksichtigt, dass die Basisrente sieben Prozent Verwaltungsgebühr im Jahr kosten sollte.

Aber die lebenslange Rente, führte der Vertreter an. Auch hier rechneten wir wieder durch. Ergebnis: Ich müsste über 90 Jahre alt werden, um davon zu profitieren. Bis dahin hätte ich einfach nur mein angespartes Geld als Rente gekriegt.

Tipp 3: Nicht nur auf die Highlights bei den Renten-Produkten schauen

Was habe ich daraus gelernt und was möchte ich euch auf den Weg geben? Schaut nicht nur auf die Highlights (30 Prozent Steuerersparnis! Lebenslage Rente!). Glaubt nicht den Behauptungen. Lasst euch ein Produkt vorrechnen und vor allem vergleicht es mit Alternativen. Betrachtet es nicht isoliert. Und habt keine Angst, es den Vertreter machen zu lassen. Das ist sein Job!

Quelle: https://www.focus.de/finanzen/boerse/rene_will_rendite/rene-will-rendite-34-000-euro-gespart-simple-frage-bewahrte-mich-vor-teurem-fehler-bei-der-rente_id_12382368.html geladen am 03.09.2020

Statistischer Warenkorb nicht aussagekräftig

Gefühlte Inflation viel höher als offizielle Zahl

Von wegen 0,0 Prozent Inflation: Für arme Menschen steigen die Preise immer weiter

 

Die Inflation lässt Preise steigen. Offiziell liegt die Inflationsrate derzeit bei 0,0 Prozent.

PixabayDie Inflation lässt Preise steigen. Offiziell liegt die Inflationsrate derzeit bei 0,0 Prozent.

Wir haben keine Inflation: Im August lag die Preissteigerung bei null Prozent. Doch viele Verbraucher nehmen das anders wahr. Besonders die unteren Einkommensklassen haben beim alltäglichen Einkauf das Nachsehen: Die Qualität im Einkaufskorb nimmt ab.

Die Inflationsrate in Deutschland betrug im August 0,0 Prozent, teilte gestern das Statistische Bundesamt mit: Die Verbraucherpreise sind sogar gegenüber Juli 2020 um 0,1 Prozent gesunken. Für Statistiker, Notenbanker und Wirtschaftswissenschaftler ist die Sache klar: Die Preise steigen seit Jahren nicht mehr. Wir haben keine Inflation. Doch für viele Verbraucher erscheint das wie blanker Hohn. Sie erleben seit Jahren, dass die Preise steigen und zwar ordentlich.

Die Inflationsrate nimmt jeder individuell wahr. Die offizielle Statistik orientiert sich an einem Warenkorb, in dem auch Güter liegen, die für viele Menschen keine Rolle spielen. Jeder private Haushalt hat andere Kaufgewohnheiten: Einige Menschen besitzen ein Auto und essen Fleisch, andere nutzen ausschließlich öffentliche Verkehrsmittel und sind Vegetarier. Die durchschnittlichen Ausgabegewohnheiten aller privaten Haushalte zusammengenommen entscheiden, wie viel Gewicht die verschiedenen Produkte und Dienstleistungen bei der Messung der Inflation erhalten.

Statistischer Warenkorb nicht sehr aussagekräftig

Im statistischen Warenkorb befinden sich Alltagsprodukte wie Lebensmittel, Zeitungen und Benzin, langlebige Gebrauchsgüter wie Kleidung, Computer und Waschmaschinen und Dienstleistungen wie Friseurbesuche, Versicherungen und Mietzahlungen. Doch wer kauft sich schon jeden Monat eine neue Waschmaschine oder legt sich laufend neue Versicherungen zu? Die Messung der Inflation beruht auf einem Durchschnittskäufer. Aber wer ist schon Durchschnitt? Und wer gehört schon zu einem „repräsentativen Haushalt“?

Fest steht: Der statistische Warenkorb ist nach Meinung vieler Wissenschaftler nicht sehr aussagekräftig. So zeigen Umfragen der EU-Kommission regelmäßig, dass die Menschen Preissteigerungen als viel höher empfinden, als es die EU-Statistikbehörde Eurostat ausweist. 2019 etwa lag die offizielle Teuerungsrate in der EU bei 1,2 Prozent, die Menschen schätzen sie jedoch auf rund 5,7 Prozent. Die gefühlte Inflation war also fast fünfmal so hoch wie die offizielle Angabe.

Auch interessant: Statt Inflation oder Deflation: Deutschland könnte ein drittes Szenario drohen

Einige Wissenschaftler wie der Ökonom Karl-Friedrich Israel von der Universität Leipzig halten die offiziell herausgegebenen Inflationsraten für wertlos, da zahlreiche Annahmen und Konventionen oft nicht transparent seien: „Am Ende kommt eine Zahl heraus, von der man gar nicht genau weiß, was sie eigentlich bedeutet“, erklärte Israel bei einem Vortrag des Ludwig von Mises Instituts. Der offizielle Wert könne nicht mit der „einzigen“ und „wahren“ Inflationsrate gleichgesetzt werden, so Israel weiter: „Die einzig wahre Inflationsrate gibt es nicht.“

Bei Inflationsberechnung bleiben Qualitätsverschlechterungen unberücksichtigt

Ein großes Problem bei der Berechnung der Inflationsrate ist die Produktqualität. So werden in der Statistik nicht einfach die ausgewiesenen Verkaufspreise von Gütern berücksichtigt, sondern qualitätsbereinigte Preise. Wenn Statistiker bei manchen Gütern also eine Qualitätsverbesserung feststellen, so zieht man den geschätzten Geldwert dieser Verbesserung vom Verkaufspreis wieder ab. Im Klartext heißt das: Ein solches Produkt wird für diejenigen, die es im Supermarkt einkaufen, teurer – im Warenkorb der Statistiker könnte der Preis jedoch derselbe bleiben oder sogar sinken. In der Folge sinkt auch die Inflationsrate oder steigt zumindest weniger stark an.

Qualitätsverschlechterungen hingegen werden kaum berücksichtigt, bemängeln die Ökonomen der Uni Leipzig. Kein Wunder: Hersteller sind schließlich stets darauf bedacht, Qualitätsverschlechterungen zu verschleiern und Verbesserungen lautstark via Werbung anzupreisen.

Vor allem Geringverdiener betroffen

In der Praxis haben insbesondere Verbraucher mit niedrigerem Einkommen das Nachsehen: Wird ein Produkt teurer, greifen sie zu den günstigeren Produkten beim Discounter. Mehr Qualität hingegen können sie sich selbst bei einer offiziell nullprozentigen Inflationsrate nicht leisten.

Nicht besonders hilfreich ist schließlich die Tatsache, dass die statistischen Behörden keinerlei Auskunft über das Ausmaß der Qualitätsbereinigung geben: „Die öffentlich zugänglichen Daten sind bereits alle bereinigt, ohne dass man es ihnen ansieht“, bemängelt Israel. „Die Rohdaten werden nicht zur Verfügung gestellt. Die Qualitätsanpassungen sind also im höchsten Maße intransparent.“

Quelle: https://www.focus.de/finanzen/news/preissteigerung-0-0-prozent-gefuehlte-inflation-warum-fuer-geringverdiener-die-preise-immer-steigen_id_12380896.html geladen am 01.09.2020

Warren Buffetts Erfolgsgeschichte

Investoren-Legende Warren Buffett wird am Sonntag 90 Jahre alt.

Investoren-Legende Warren Buffett wird am Sonntag 90 Jahre alt.

Nati Harnik / AP

Warren Buffett – so ist der Amerikaner zu einem der reichsten Menschen der Welt geworden

Am Sonntag wird Investoren-Legende Warren Buffett 90 Jahre alt. Er ist wählerisch, er ist geduldig – aber wenn sich Gelegenheiten ergeben oder die Fakten sich ändern, handelt er schnell. So etwa sieht die Formel für’s Reichwerden aus.

Olga Scheer, Christof Leisinger

«Wenn es gerade Gold regnet, stelle einen Eimer vor die Tür und keinen Fingerhut» – kaum ein Zitat macht deutlicher, wie Warren Buffett tickt. Der Amerikaner aus dem Mittleren Westen feiert am Sonntag seinen 90. Geburtstag. Das wäre nicht aussergewöhnlich, wenn er es nicht in den vergangenen Jahrzehnten aus dem Nichts zu enormem Wohlstand gebracht hätte. Mit einem Privatvermögen von etwa 80 Mrd. $ zählt er zu den zehn reichsten Menschen der Welt. Manche bezeichnen ihn als den «erfolgreichsten Anleger aller Zeiten».

Wie hat er das geschafft?

Tatsächlich zeigte Buffett schon in jungen Jahren unternehmerische Gene, indem er früh mit Kaugummis und Coca-Cola-Flaschen handelte oder Zeitschriften verteilte. Das Investment-Geschäft wurde ihm praktisch in die Wiege gelegt. Schon sein Vater handelte mit Wertpapieren und nahm ihn schon früh mit an die Wall Street. Beeindruckt vom dortigen Geschehen, wollte er bereits als Elfjähriger die ersten Aktien haben. So erwarb er drei Papiere eines Ölunternehmens, das sein Vater Kunden empfohlen hatte. Prompt geschah das, was zwangsläufig passieren musste: Der Kurs fiel.

Die Blamage war umso grösser, weil er für den Kauf der Aktien nicht nur das eigene, sondern auch das Taschengeld seiner Schwester verwendet hatte. So wird kaum überraschen, dass der junge Buffett den Gewinn realisierte, sobald der Kurs nach einiger Zeit doch wieder über den Einstandspreis gestiegen war – nur um dann beobachten zu müssen, wie sich der Wert der Aktien in den Jahren darauf vervielfachte. So lernte er schon damals die erste Grundregel des erfolgreichen Anlegens: die Gewinne laufen zu lassen und nicht vorschnell zu verkaufen.

Schon in jungen Jahren wollte er sich im Investment-Bereich selbständig machen, allerdings liess er sich vom Vater davon überzeugen, erst zu studieren. Nachdem ihn die Harvard Business School abgelehnt hatte, studierte er zunächst an der der University of Nebraska, bis er schliesslich an die Columbia Business School wechselte. Dort war er im Vorlesungsverzeichnis auf die Namen Benjamin Graham und David L. Dodd gestossen. Überrascht davon, dass die ihm bekannten «Value-Legenden» noch unterrichteten, nahm er dort das Studium auf und liess sich von ihrer Theorie inspirieren.

Der Kauf von unterbewerteten Aktien

Die Grundidee des «Value Investment» ist, etwas für 50 Cent zu kaufen, obwohl es eigentlich einen Dollar wert ist. Die Anleger untersuchen also die betriebswirtschaftlichen Daten von Unternehmen und kaufen dort Anteile, wo sie diese für unterbewertet halten. Sie suchen keine Beteiligungen, die billig erscheinen, weil es gute Gründe dafür gibt, sondern Firmen, deren operative Qualität einen höheren Wert rechtfertigt. Das sind in der Regel Unternehmen mit klar erkennbarem Geschäftsmodell, die nicht überschuldet sind, die solide Gewinne und Cashflows erwirtschaften und die aufgrund ihrer besonderen Marktstellung oder Kundenbindung den Wettbewerb nicht fürchten müssen und solide wachsen. Buffetts Credo lautete eigentlich immer: «Kaufe nur Wertpapiere von Unternehmen, die du wirklich verstehst.» Etwa so wie Coca-Cola. Das ist nicht nur eine weltweit bekannte, beliebte Marke, sondern es geht eigentlich nur darum, etwas Brause mit Wasser zu mixen und das Resultat an möglichst viele Kunden zu verkaufen und die Kosten unter Kontrolle zu halten. Einfacher geht es kaum.

Warren Buffett hat klein angefangen und ist dann mit seiner Holding-Gesellschaft Berkshire Hathaway nach und nach durch gezielte Zukäufe gewachsen. Noch heute werden seine kotierten Beteiligungen von den oben beschriebenen «Value Investments» dominiert. Neben Coca-Cola zählen dazu Namen wie die Bank of America, American Express, Kraft Heinz, Moody’s, Wells Fargo, Charter Communications, Verisign oder auch Visa und General Motors. Am wertvollsten aber ist heute die Beteiligung an Apple mit etwa 90 Mrd. $. Lange Zeit wollte Buffett von Tech-Aktien nichts wissen, weil er ihre Geschäftsmodelle nicht zu verstehen glaubte. Bei Apple jedoch hat er seine Meinung vor vier Jahren geändert. Unter anderem, weil der Tech-Riese seine Kriterien inzwischen erfüllt und aufgrund einer starken Marktstellung sowie einer engen Kundenbindung robuste Erträge erwirtschaftet. Tatsächlich hat sich der Apple-Kurs seitdem verfünffacht.

Der Clou an der Geschichte

Der Aufbau eines derartigen Anlage-Portfolios war eigentlich nur möglich, weil Warren Buffett früh direkt ins Assekuranzgeschäft einstieg. Das ist gewissermassen der Motor, der die Expansion der gesamten Unternehmensgruppe vorangetrieben hat. Das Prinzip ist sehr einfach – eine Versicherung schliesst Verträge ab, erhält von den Kunden regelmässig Prämien und zahlt erst später für eventuell auftretende Schäden. Das Motto «Kassiere sofort und zahle erst später» führt zu einem Zustrom von Liquidität, der gewinnbringend für den Kauf von Aktien oder etwa auch für die Übernahme der Eisenbahngesellschaft Burlington Northern Santa Fe im Jahre 2009 verwendet wurde. Heute verfügt Buffetts Holding-Gesellschaft Berkshire Hathaway nicht nur über ein riesiges Aktien-Portfolio, sondern zählt operativ im Versicherungsgeschäft, im Transportbereich, in der industriellen Produktion und im Einzelhandel zu den Grossen. Die einzelnen Sparten operieren relativ selbständig.

Warren Buffett bedient viele Klischees, oft sogar bewusst. Der freundlich, nett, harmlos und möglicherweise gar unbeholfen wirkende ältere Herr mit der dicken Brille wird als Mozart der Finanzwelt verehrt. Es gibt Tausende Bücher über den «genialsten Anleger aller Zeiten» mit dem gewissen Midas-Touch. Damit kann er gut leben. Denn solange die Öffentlichkeit daran glaubt, kann er im Hintergrund die Fäden ziehen und wie ein aggressiver Hedge-Fund-Manager opportunistisch auf günstige Gelegenheiten lauern oder radikal auf veränderte Umstände reagieren. Die vergangenen Wochen haben gezeigt, wie so etwas geht. So hat er am Anfang der Pandemie praktisch auf einen Schlag alle Airline-Aktien auf den Markt geworfen, die er hatte, weil er den massiven Einbruch des Geschäfts und die langsame Erholung antizipierte. Auch die Papiere der Banken scheint er nicht mehr so zu mögen wie in der Vergangenheit.

Insgesamt lässt sich das Erfolgsrezept des Jubilars einfach zusammenfassen – investiere nur dort, wo es echte Werte gibt. Verzettle dich nicht, sondern konzentriere dich auf das, was du verstehst. Investiere langfristig, aber handle radikal, sobald sich die Umstände ändern. Das sorgt für einen ruhigen Schlaf und offensichtlich auch für ein langes Leben.

Quelle: https://www.nzz.ch/finanzen/warren-buffett-wird-90-seine-formel-fuers-reichwerden-ld.1573697 geladen am 30.08.2020